Europa produziert mehr Abfall, als derzeit sinnvoll verwertet werden kann. Während Recycling politisch und gesellschaftlich stark gefordert wird, fehlt es gleichzeitig an ausreichenden Kapazitäten für jene Reststoffe, die nicht recycelbar sind. Das Entsorgungssystem gerät an seine Grenzen.

Abfälle – vor allem aus Italien – werden in Österreich verwertet. Für Christian Müller-Guttenbrunn, MGG-CEO ein fragliches Unterfangen, wenn doch im eigenen Land mehr Müll anfällt, als verbrannt werden kann.
Die europäische Abfallwirtschaft befindet sich mitten in einem Paradoxon: Noch nie wurde so viel über Kreislaufwirtschaft, Recyclingquoten und Nachhaltigkeit gesprochen. Noch nie wurde so viel Material wiederverwertet. Doch gleichzeitig wachsen die Müllberge weiter! Denn es fehlt an ausreichenden Kapazitäten zur thermischen Verwertung – auch in Österreich: „Alleine in Niederösterreich und Wien fehlt zumindest eine weitere Müllverbrennungsanlage. Und das betrifft auch die Müller-Guttenbrunn Gruppe. Bei unseren Recyclingprozessen im Mostviertel gewinnen wir Eisen, Metalle und Kunststoffe aus den verschiedensten Ausgangsmaterialen. Daher entsteht nur eine kleine Fraktion an Abfall, die thermisch verwertet werden muss. Trotzdem sind wir quasi fast täglich damit konfrontiert, dass die Kapazitäten der Verbrennungsanlagen in unserer Umgebung limitiert sind“, bringt MGG-CEO Christian Müller-Guttenbrunn das „heiße“ Thema auf den Punkt.
In Österreich wie in ganz Europa steigt das Abfallaufkommen kontinuierlich. Bevölkerungswachstum, steigender Konsum, Verpackungsintensität und kurze Produktlebenszyklen sorgen dafür, dass immer mehr Abfälle entstehen. Gleichzeitig stößt das Recycling bei vielen Materialien an technische und wirtschaftliche Grenzen.
Wachsende Müllberge trotzt Recyclingoffensive.
Nicht jeder Kunststoff lässt sich sinnvoll recyceln, viele Verbundstoffe sind schwer trennbar und stark verschmutzte Fraktionen landen trotz getrennter Sammlung letztlich in der Reststoffverwertung. Während ambitionierte Recyclingziele politisch formuliert werden, wächst parallel der Anteil jener Abfälle, für die es kaum hochwertige Verwertungswege gibt. Diese Abfälle landen in der Praxis häufig in der thermischen Verwertung – sofern ausreichend Kapazitäten vorhanden sind.

Müllberg (KI-generiertes Bild/ChatGPT)
Wo Kapazitäten fehlen, entsteht automatisch ein Markt. Der europäische Müllhandel hat sich in den letzten Jahren stark ausgeweitet. Abfälle werden quer durch Europa transportiert, um freie Verwertungskapazitäten zu finden. Abfälle aus anderen Ländern – vor allem aus Italien – werden nach Österreich importiert und hier verwertet. Dieser Handel ist rechtlich geregelt und grundsätzlich sinnvoll, da er vorhandene Anlagen besser auslastet. „Aber fraglich ist, wie nachhaltig diese transnationalen Transporte sind, wenn bereits im eigenen Land mehr Müll anfällt, als verbrannt werden kann. In diesem Markt geht es defacto nur ums Geld“, berichtet Christian Müller-Guttenbrunn.
Zwischenlager statt Verwertung.
Die österreichischen Recycler kämpfen daher immer öfter um Slots bei den Verbrennungsanlagen, um Material anliefern zu können. Wenn weder Recycling noch Verbrennung kurzfristig möglich sind, bleibt oft nur eine Option: die Zwischenlagerung. In vielen europäischen Ländern entstehen zunehmend größere Abfalllager – teilweise als genehmigte Zwischenlager, teilweise als Notlösung bei überlasteten Anlagen. Besonders problematisch ist dies bei heizwertreichen Abfällen oder Ersatzbrennstoffen, die eigentlich für die energetische Nutzung vorgesehen wären.
So wachsen die Müllberge auch bei den österreichischen Recyclern. Und im Extremfall können diese Berge zu großen umwelttechnischen Herausforderungen werden, wie der Brand bei einem Tiroler Recycler im Vorjahr gezeigt hat. Tagelang hielt eine ganze Region den Atem an und war mit den Auswirkungen dieser Feuersbrunst konfrontiert. Christian Müller-Guttenbrunn ist der Meinung, „dass solche Brände ein hausgemachtes Problem sind. Kein Recycler will diese Berge lagern. Denn das ist weder wirtschaftlich noch umwelttechnisch klug. Das weiß das Umweltministerium und es gibt dazu auch immer wieder Gesprächsrunden. Doch die Meinung der Politik in diesem Fall lautet: Das ist ein marktwirtschaftliches Thema, in das wir politisch nicht eingreifen wollen.“
Horrorszenario brennende Müllberge.
Müllberge beinhalten immer ein gewisses Brandrisiko, weil sich verschiedenste Brandquellen wie zum Beispiel Akkus darin befinden. Diese können monatelang unauffällig bleiben und von einer Sekunde auf die andere wie aus heiterem Himmel zu brennen beginnen, wie Müller-Guttenbrunn berichtet: „Auch in unseren Werken sind wir immer wieder mit kleineren Bränden konfrontiert. Meistens entstehen sie tagsüber und werden von den Mitarbeitern sofort gelöscht. Wir sind uns der Thematik bewusst und haben jahrelange Erfahrung, wie wir diese Fraktionen am besten lagern. So teilen wir die Abfälle immer in gewisse Brandabschnitte auf und separieren – soweit möglich – das riskante Material in kleinere Haufen“.
Bei MGG beobachtet man, dass der Anteil von Akkus im Recyclingmaterial immer größer wird. Angesichts der Technologisierung und Digitalisierung unserer Gesellschaft eine logische Konsequenz. Unsere Wohlstandsgesellschaft verwendet immer mehr akkubetriebene Geräte. Beispielsweise steigen die Verkaufszahlen von E-Bikes laufend. Und die darin verbauten Akkus sind einerseits hocheffizient und haben andererseits nur eine bedingte Lebensdauer. „Noch ist das kein Riesenthema, aber die E-Bike-Akkus werden mehr in den Recyclingfraktionen. Ich hoffe aber, dass die Mülltrenngenauigkeit besser wird und die Menschen realisieren, dass man große Akkus nicht einfach in den Schrott schmeißt, sondern getrennt entsorgt.“ Neben E-Bike-Akkus gehören aber auch Handyakkus und Powerbanks zu jenen potentiellen Brandverursachern, da sie über sehr hohe Energie auf kleinstem Raum verfügen. „Wenn zum Beispiel eine Powerbank auf einen Steinboden fällt, wäre ich nicht mehr so sorglos und würde diese einfach neben mein Bett aufs Nachtkasterl legen. Gerade bei möglicherweise defekten Akkus ist höchste Vorsicht angesagt!“
Es braucht mehr Müllverbrennungsanlagen.
Ein Lösungsamsatz könnte die Errichtung neuer Verbrennungsanlagen sein. Doch es finden sich kaum Unternehmen, die solch ein Projekt andenken. Denn der Bau neuer Anlagen dauert von der Planung über Genehmigungen bis zur Fertigstellung oft zehn bis fünfzehn Jahre. Gleichzeitig stoßen solche Projekte häufig auf politischen Widerstand oder lokale Bürgerinitiativen. Potentielle Errichter von zusätzlichen Anlagen sind immer mit regionalem Gegenwind konfrontiert, wie Christian Müller-Guttenbrunn aus eigener Erfahrung weiß: „Wenn es um die Errichtung neuer Recycling- oder Müllverbrennungsanlagen geht, herrscht oft das egoistische Florianiprinzip: Heiliger St. Florian, verschon mein Haus, zünd´ andere an! Die Menschen sind sich des Problems und der möglichen Lösung bewusst, aber man duldet es nicht in der eigenen Nachbarschaft. Frei nach dem Motto: Not In My Backyard!“
Wie können Lösungen aussehen? Was sind mögliche Perspektiven? Keine einfach zu beantwortenden Fragen. Die Thematik ist nicht neu, doch sie spitzt sich zu. Die Folge ist ein zunehmend komplexer Markt für Müllhandel, steigende Lagerbestände und wachsende Herausforderungen für die gesamte Entsorgungsbranche. Die Recycler sind zwangsläufig mit den steigenden Müllbergen konfrontiert und am Ende des Tages wird der Konsument den Preis dafür zahlen müssen, weil die Müllmengen kurzfristig nicht sinken werden.
Eine nachhaltige Abfallwirtschaft braucht daher nicht nur bessere Recyclingquoten, sondern auch realistische Lösungen für die stetig wachsenden Müllberge wie Christian Müller-Guttenbrunn zusammenfasst: „Die thermische Verwertung wächst nicht im gleichen Tempo wie das Abfallaufkommen. Das eigentliche Problem ist also nicht nur der Müll selbst. Es ist die fehlende Infrastruktur, um ihn verantwortungsvoll zu behandeln und effizient zu verwerten!“
